„Zehn Gebote entfaltet“ – Die Gebotsstelen vor der Martin-Luther-Kirche in Vöhringen

In Stein gehauen stehen seit Oktober 2021 die Zehn Gebote vor der Martin-Luther-Kirche hier in Vöhringen. So hat das Projekt „Zehn Gebote entfaltet“ bei der Neugestaltung der Außenanlage unserer Kirche einen besonderen Akzent gesetzt: Mit Blick auf die imposante Blutbuche wollen die zehn Gebotsstelen „buchstäblich“ vor Augen führen, was sowohl für den christlichen Lebensweg wie auch für das Zusammenleben vor Ort bzw. in der Gesellschaft verheißungsvoll ist, entsprechend den Worten aus Psalm 1: „Wohl dem, der seine Lust hat an der Weisung des HERRN und sinnt über seiner Weisung Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, an Wasserbächen gepflanzt: Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit, und seine Blätter welken nicht. Alles, was er tut, gerät ihm wohl.

Wir sprechen von zehn Geboten, aber eigentlich sind es acht Verbote – „Du sollst nicht …“ – und nur zwei Gebote, nämlich das Feiertags- und das Elterngebot. Dass in den Zehn Gebote mehr als nur Verbote enthalten sind, wird auf den Gebotsstelen sichtbar gemacht. Sie bestehen nämlich aus zwei Hälften: Die rechte Hälfte aus Maggia-Gneis enthält den eingehauenen Wortlaut des jeweiligen Gebots. Die linke Hälfte aus Edelstahlblech ist mit einer Gebotserklärung laserbeschriftet. Diese entstammt dem Kleinen Katechismus Martin Luthers und ist durch Auslassungen auf prägnante Grundworte reduziert worden. Damit kommt zur Sprache, was es positiv zu tun gilt. Beispielsweise heißt es zum fünften Gebot (Du sollst nicht töten): „unserm Nächsten helfen und beistehen in allen Nöten“ und bezüglich des achten Gebots (Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten): „unsern Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm reden“.

Während das vierte bis zehnte Gebot die Nächstenliebe zur Geltung bringen, werden die ersten drei Gebote auf die Gottesliebe hin entfaltet. So heißt es zum ersten Gebot (Du sollst nicht andere Götter haben neben mir): „Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“. „Ihn in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken“ steht dem zweiten Gebot (Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen) gegenüber.

Die Stelenhälften sind jeweils in einem Winkel von 120 Grad zueinander angestellt, was einer aufgeschlagenen Doppelseite eines Buches bzw. dem biblischen Bild der beiden Gebotstafeln entspricht. Beim Gang zur Kirche fällt der Blick auf die rechte Steinhälfte mit den Gebotstexten. Damit wirken die Stelen gleichsam als Beichtspiegel: Mir kommt zur Besinnung, worin ich Gott und meinem Nächsten nicht gerecht geworden bin. So richte ich mich im Gottesdienst auf die Gnade Gottes in Jesus Christus aus. Von der Versöhnung in Christus her lese ich beim Verlassen der Kirche auf der linke Edelstahlseite jeweils die bestärkenden Weisungen. Diese halten mich im Alltag zum rechten Handeln und Verhalten an.

„Zehn Gebote entfaltet“ ist ein Gemeinschaftsprojekt, das sich sehen lassen kann: Der Grundentwurf stammt vom Landschaftsarchitekten Manfred Rauh aus Vöhringen. Mit der Erstellung des Schriftbilds war Matthias Bumiller aus Stuttgart beauftragt, der als ausgewiesener Buchgestalter unter anderem Gestaltung und Satz für das katholische Gotteslob bzw. für Die Bibel. Einheitsübersetzung verantwortet hat. Die Beschriftung auf der Edelstahlhälfte wurde Armin Gutjahr (Illertissen) zusammen mit Christian Dürr (Ingstetten) mittels Lasertechnik durchgeführt. Für die Wahl des Steins – ein Zweiglimmergneis (Beola) aus dem Maggia-Tal im schweizerischen Tessin –, dessen Beschriftung sowie die Montage und Aufstellung der Stelen war der Steinbildhauermeister und Gestalter Harald Stölzle aus Altenstadt verantwortlich.

Auch wenn die Gebotsstelen auf einem Kirchengelände stehen, wollen sie auch in der Öffentlichkeit wirken. Schließlich haben ja die biblischen Zehn Gebote unsere Gesellschaft über weit mehr als 1000 Jahre christlich geprägt. Gut ist es, wenn sie neu zur Besinnung gebracht werden. Als evangelische Kirchengemeinde möchten wir damit keine moralischen Vorhaltungen machen. In der Tat wäre es problematisch, wenn man die beiden Gebotstafeln in die eigene Hand nähme, um sie anderen vorzuhalten. Als „Vorhaltender“ beansprucht man selbst, auf der richtigen Seite hinter den Geboten zu sein. Genau dies ist jedoch bei der Reihung der zehn Gebotsstelen nicht möglich. Auf dem Weg zur Kirche kann jeder – bewegungsfrei – zu jedem einzelnen Gebot wortwörtlich stehen oder aber daran vorbeigehen. Bedingt durch die Höhe von zwei Metern findet sich keine „vorhaltende“ Position hinter den jeweiligen Gebotsstelen.

Was uns verbindet und was uns gemeinsam herausfordert im Hinblick auf ein Zusammenleben vor Ort – unser Projekt „Zehn Gebote entfaltet“ will dazu einen Beitrag in Vöhringen leisten. Wir freuen uns, wenn bei Christen wie auch bei Nicht-Christen die Botschaft ankommt.

Jochen Teuffel